Interview & Konzertbilder: Sir The Baptist, Zurich 02.02.2018  

Letzten Freitag hatten wir die Chance uns mit Sir The Baptist in Zürich hin zu setzen und ihn mit Fragen zu löchern. Er war in der Schweiz um im Kaufleuten den US Sänger August Alsina im Kaufleuten zu supporten. Wir haben uns über die Grammys, seiner Familie und Musik unterhalten. Später hatten wir auch die Ehre während seinem Set auch von der Bühne aus zu fotografieren.

Kurz nachdem Sir The Baptist und seine Crew im Kaufleuten ankamen, sass ich auch schonin einem der oberen Stockwerke des Kaufleuten und wartete darauf, dass wir loslegen konnten. Was ursprünglich als 10 minütiges Interview gedacht war, endete in einer 20 minütigen tollen Unterhaltung mit einem extrem inspirierenden Künstler.

Interview mit Sir The Baptist 

Willkommen in Zürich! Du spielst hier eine eher kleine Location… Was ist für dich der grösste Unterschied (abgesehen von der Anzahl Personen) verglichen zu grossen Festivals/Bühnen wie z.B Lollapalooza, Bonnaroo oder dem Barclays Center?
Weisst du, kleiner is manchmal einfach besser. Manche Leute haben mehr angst vor kleineren Locations, weil da wirklich alle auf dich fokusiert sind. Mir macht das nichts aus, es gibt mir mehr Zeit und Möglichkeiten um wirklich Augenkontakt aufzubauen. Du kannst hier wirklich in jemanden rein sehen und die Reaktionen zu deiner Musik sehen, was sie fühlen. Ich bevorzuge kleinere Venues! Aber klar, es ist natürlich schon krass in einem Barclays Center zu spielen, gleich nach Beyonce. Da waren 30’000 Leute im Stadion und nochmals millionen weitere online, das war natürlich schon toll. In kleineren Locations kann ich meine Musik einfach effektiver an die Menschen bringen, die Musik wirklich als eine Art Medizin an wenden.

 

Apropos Angst… Du hast einen ziemlich guten Job hingeschmissen um mit der Musik durchzustarten. Musstest zeitweise sogar in deinem Auto schlafen. Hat dir das nie Angst gemacht?
Wenn du an diesem Punkt angekommen bist alles hinzuschmeissen, musst du 1000% sicher sein, dass du bereit bist dieses Risiko einzugehen. Ich wusste mit Sicherheit, dass ich das packe.

 

Also sogar während der Zeit als du im Auto pennen musstest – keine Angst oder Zweifel?
Nein, nicht wirklich. Ich nutzte diese Zeit um aus den Menschen zu lernen. Da verstand ich dann auch, dass ich meine Musik als Medizin für die Menschheit nutzen muss. Es war wirklich nur das. Ich hab mich selber zu 1000%  dazu verpflichtet.

 

Rap und Hip Hop haben ja den Ruf, dass es meist um Frauen, Drogen, Gewalt und Macht geht. Deine Musik ist da mit deinen Gospel Einflüssen etwas anders… Hast du negative Reaktionen erhalten, von beiden Seiten – Hip Hop / Rap oder von der Gospel/religösen Seite?
Anfangs, ja… Aber irgendwann haben sie glaube ich kapiert, dass ich einfach weiter mache, dass ich nicht wieder verschwinde. Mein Vorteil, ich verstand Marketing! Dort wo diese (kritischen) Leute waren, dort würde ich sicher nicht sein, aus genau diesem Grund. Ich war auf einer Mission. Ich wollte nicht cool sein, einfach nur meine Musik machen. Der Support von Leuten wie Jay Z oder Nelly half natürlich. Diese Leute haben viel Einfluss in der Hip Hop Welt und dass ich dann auch für solche Leute performen konnte, half mir einfach mich selber zu sein. Jay Z hatte dann sogar noch ein Album mit Gosple Einflüssen released. Auf der anderen Seite war die Gospel Musik, die Leute dort haben mich gar nicht akzeptiert. Sie haben mich sogar von den Gospel Grammys ausgeschlossen, nur weil ich halt einfach zu ehrlich bin. Ich würde nicht sagen, dass es wegen dem fluchen ist.. Ich war zu ehrlich. Weisst du, ich habe mit vielen Predigern geraucht, Weed geraucht, mit anderen habe ich Alkohol getrunken oder sogar in Stripclubs gegangen. Sie entscheiden sich solche Sachen zu verheimlichen, es ist was sie tun, da sie dafür bezahlt werden um so zu (heilig) zu tun. Sie müssen ruhig sein und euch nicht die Wahrheit über ihr Leben zu zeigen.

 

Wie war das dann für dich bei den Grammys, du warst im Publikum. War das nicht komisch dort zu sein, nach dem man dir sozusagen die Chance verwehrte, selbst einen Award zu erhalten?
Ach, in Gospel geht es eh nicht um Awards. Die Awards werden ja auch nicht auf der Hauptbühne vergeben. Das passiert alles nebenan, auf einer separaten Bühne. Und weisst du was, eigentlich gab mir das Ganze nur das Gefühl, dass ich irgendwie doch das richtige mache. Ich möchte die ganze Kultur verändern, dies mit einer ganzheitlichen Heilung von Hip Hop und Gospel oder allgemeint religiöser Musik. Ich muss eine Brücke finden, die beiden Musikrichtigen richtig kombinieren. Und wenn ich das schaffe, dann sollte ich mich sowieso nicht mehr um Awards kümmern. Momentan bin ich auf Platz 25 der nationalen Gospel Radiostation, ich gehe in die richtige Richtung. Leute fangen an das Ganze zu akzeptieren. Es dauerte eine Weile, aber Dinge die länger dauern, halten auch ewigs.

 

Wenn wir schon von deiner Musik reden, was möchtest du, dass Leute fühlen, wenn sie deine Musik hören?
Ich möchte, dass sie sich wie Teil einer Familie fühlen. Ich werde bei meinen Shows Songs bekannte Songs spielen und auch Tunes, welche sie noch nie gehört haben. Es geht nicht darum cool zu sein oder, dass sie sich cool fühlen. Meine Mama wird sogar mit auf die Bühne kommen. Es geht darum, dass Leute sich wie in einer Familie fühlen. Darum geht’s schlussendlich.

 

Deine Songs sind alle relative unterschiedlich, aber trotzdem haben alle so was wie einen goldenen Faden der alle miteinander verbindet. Ich mag den Song „The Wall“ sehr, auch wegen den Beats, es hat etwas House Musik Einflüsse, oder? Kannst du uns verraten um was es genau in diesem Song geht?
Ja stimmt, da ist was house-iges drin. Der Song an sich geht eigentlich um Trump. Aber mehr als Vergleich zu anderen Personen auf dieser Welt, welche versuchen Mauern in deinem Leben aufzubauen oder dir sagen, dass du etwas nicht kannst oder tun solltest. Dass du in denn „full push mode“ gehen solltest und nicht alles akzeptieren darfst. Leute (z.B. Labels) sagen dir, du darfst dies und das nicht tun oder musst dies anders machen… Du denkst dann nur „Wow, du hörst dich jetzt echt an wie Trump. Du möchtest, dass ich meiner Kultur schade – das werde ich nicht tun!“. Der Song thematisiert auch die Songs, bei welchen ich den Sound angepasst habe, damit das Label zufrieden ist. Selbst in den Songs in welchen ich dies auch getan habe, wie z.B. im Titelsong von meinem Album „Saint or Sinners“ geht es darum, dass ich eine schwere Zeit hatte auf Grund dieses Themas. Ich war nah an einem mentalen Zusammenbruch als ich mir die Frage stellen musste, werde ich jetzt wirklich meiner eigenen Kultur den Rücken zu kehren, ihr sogar schaden? Will ich wirklich dieser Typ sein? „The Wall“ ist auch einfach ein Reminder an diese Zeit. 

Fan Fragen

Eva: Du hattest einige schwere Zeiten in deinem Leben. Wie schaffst du es deinen Glauben nicht zu verlieren?
Wenn du deinen Glauben selbst gefunden hast, wirst du ihn auch nicht so schnell verlieren. Wenn dir jemand sagt wie du glauben solltest, dann wird es schwierig. Aber selbst wenn du wirklich Müde und erschöpft bist, wirst du Teile finden, welche deinen Glauben stärken, für den Rest deines Lebens. Ich persönlich verbinde Glauben auch nicht zu Religion. Ich musste mich ein Jahr lang in ein Zimmer einschliessen um dies rauszufinden. Ich habe in dieser Zeit dann das Buch “The Travelogue of a Visionary” geschrieben. Ich habe alles in Frage gestellt und so dann auch vertrauen in meinen Glauben gefunden.

 

Lisbeth: Von welchen berühmten Hip Hop Artists wurdest du beeinflusst?
Sicherlich Jay Z! Es war nicht wegen seiner Texte über Drogen, mehr darum wie er über Business sprach. Ich haben mich erst nach seinen Alben “The Black Album” oder “Kingdom Come” in seine Musik verliebt. Die früheren Alben höre ich gar nicht mehr, da die Themen da nicht meine Probleme waren. Ja, ich habe sogar Brüder welche immer noch Drogen verkaufen, aber das bin nicht ich. Das ist einfach nur dumm. Aber auch Kanye West hat mich geprägt. Er hat den richtigen Chicago Humor, Leute aus Chicago sind einfach extrem ehrlich, der Humor ist eigentlich albern, aber das macht’s erst richtig lustig. Er legt tolle Musik über Hip Hop Beats, er sampled viel. Ich bin ein Produzent und Komponist, ich würde nicht samplen, es ist einfach nicht mein Ding. Ich glaube mehr an die intellektuelle Seite der Musik. Ich habe z.b. auch ein 5 Song Album mit Tony Bennett und Lee Musiker aufgenommen. Ich schaue auch zu Quincy Jones auf oder Frank Sinatra Jr, Louis Armstrong. Es ist also nicht alles auf Hip Hop eingeschränkt. Kanye hat mich sicherlich beeinflusst, aber ich werde nicht auf seiner Route weitergehen, er hat mir nur andere Ideen gegeben. 

Beende die Sätze …

Das erste was ich tue wenn ich von der Bühne runterkomme ist… Ich versuche mich wieder zu sammeln. Wenn ich auf der Bühne bin, bin ich einfach weg. Sobald von der Bühne gehe, versuche ich wieder „zurück zu kommen“

Wenn ich Lyrics schreibe, fühle ich… Wie wenn ich ein Puzzle zusammensetze

Delfine lassen mich… hmm Delfine? Ich fühle mich wie wenn ich wieder schwimmen gehen möchte.

Wenn ich etwas an meinem Körper ändern würde, wäre es… Ich trainiere nicht, ich sollte mehr Muskeln haben. Ich bin halt ein Computer Geek, ich sitze oft an meinem Computer.

Zürich ist… Oh, kann ich das später beantworten?

Ui, das macht mir jetzt angst, vielleicht ist die Antwort nach der Show nicht mehr so toll?
Ha, nein nein, bestimmt nicht. Aber ich werde dir eine ehrliche Antwort geben. Gestern Abend hat einer gesagt, dass die Crowd zwar mitmachte, aber irgendwie doch sehr hart zu knacken war. Ich fand dies aber gar nicht.

 

Das könnte interessant sein. Das Schweizer Publikum kann sehr anstrengend sein. Entweder sind die Fans voll da, oder gar nicht und reden die ganze Zeit.
Echt jetzt, ein “schwieriges” Publikum ist für mich toll. Es ist fast so, wie wenn diese Leute dann einfach eine Umarmung brauchen. Eine schwierige Crowd ist so wie wenn man einen etwas schwierigeren Lyft Kunden hat, er muss einfach über etwas reden, was ihn gerade beschäftigt. An einem Konzert ist es dasselbe. Ich versuche dies dann auch zu tun, und gegen Ende der Show, wenn ich das geschafft habe, auch wenn es nur ein antasten an diese „Sache“ war, dann ist das schon ein Erfolg. Es ist mir nicht so wichtig, dass die Crowd während der ganzen Zeit mit mir mitgeht. Auch hier geht es wieder um eins zu sein, Liebe, Familie. Ah moment, das wäre dann meine Antwort. Zurich ist Familie.

 

Kurz nachdem wir das Interview beendet haben, machte sich Sir dann auch schon ready für die Show. Für mich persönlich war seine Performance dann sogar besser bzw interessanter wie die des Hauptacts. Die ganze Show war sehr energiegeladen und persönlich. Immer wieder suchte Sir den Kontakt zum Publikum. Er ging dann sogar kurz ins Publikum und performte dann in der Menge weiter. Die Zuschauer fanden dies toll, es wurden Selfies geschossen und getanzt. Und wie er uns schon verraten hatte, machte auch seine Mama eine kurze Appearance, legte ein kleines Tänzchen aufs Parkett. Ein toller Moment.

Etwas, dass mich besonders beeindruckte, war die Attitude von Sir gegenüber seinem Support Act Auftritt. Er war nicht da um cool zu sein oder die Show zu stehlen. Ihm war bewusst, dass viele ihn wohl nicht kennen. Aber das ist ok, er war da um die Crowd aufzuwärmen für August Alsina. Und das hatte er definitiv getan. Wenn ihr also die Chance habt ihn irgendwann live zu sehen, tut das! Wir werden euch sicherlich auf dem Lauefnden halten, sobald er wieder in die Schweiz kommt.

Konzertbilder: Sir The Baptist, Zürich 02.02.2018

 

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