Interview: Gavin DeGraw in Zürich, 05.05.2017

Endlich besuchte uns der US Singer-Songwriter Gavin DeGraw wieder in der Schweiz. Nachdem er sein neuestes Album „Something Worth Saving“ letztes Jahr auf den Markt gebracht hatte, ist er nun mit einer ganz tollen Acoustic Show auf Tour in Europa. Vor seinem Konzert im Zürcher X-Tra, hatten wir die Chance kurz mit ihm zusammen zu sitzen und ein paar Fragen zu stellen.

Nun ja, es waren dann schlussendlich knapp 3 Fragen, da wir schlussendlich ein sehr interessantes aber auch langes Gespräch über die Musik Industrie und Pop-Musik. Ein Thema, über welches Gavin DeGraw eine sehr starke Meinung hat.

Kurz nachdem man uns in den berühmte Backstage Raum, mit all den tollen alten Postern, gebracht hatte, kam dann auch schon Gavin in das Zimmer gelaufen. Schwarzes T-Shirt, rot Schwarz kariertes Hemd und die Biker Boots, welche viele Fans anscheinend so toll finden. Nach einem kurzen Intro, geht’s dann los.

Interview mit Gavin DeGraw

Schön dich wieder bei uns zu haben Gavin! Wie gefällt dir Zürich bis jetzt?
Vielen Dank, es ist auch schön wieder hier zu sein. Zürich ist super, heute ist zudem auch noch ein wunderschöner Tag! Was bis jetzt leider eher selten war auf dieser Tour. Ziemlich jeder freie Tag, war so richtig verregnet. Wir hatten aber immerhin ein bisschen Zeit in Rom, da war das Wetter toll!


Toll! Hoffen wir also auf weitere schöne Sommertage in den nächsten Tagen. Lass uns doch loslegen…
Früher sah man ich oft Gitarre spielen auf der Bühne, auf dem CD Cover von „Best I Ever Had“ hältst du auch eine Gitarre. Haben wir allenfalls bald wieder die Möglichkeit dich Gitarre spielen zu sehen/hören?
Ja klar, ich spiele immer noch öfters Gitarre und schreibe auch immer noch oft Songs auf der Gitarre. Wenn ich reise, ist es so viel einfacher eine Gitarre mit zu nehmen als immer ein Klavier mit zu schleppen. Auch wenn ich noch auf der Gitarre schreibe, fühle mich mich doch viel wohler am Klavier, ich bin halt ein Pianist. Als ich noch in New York City lebte, spielte ich so viele Gigs, mein Buddy da drüben mit der Kamera (er zeigt auf den Kameramann in der Ecke des Raums, welcher unser Interview filmte) und ich lebten in einer WG. Wir erinnern uns immer wieder daran, wie oft er mir helfen musste mein Zeugs rum zu schleppen. Die Gigs waren teilweise 40-50 Blocks entfernt und wir mussten alles mit einem kleinen Karren dort hin bringen, zu Fuss! Daher war es teilweise einfacher bequemer und einfacher mit einer Gitarre aufzutauchen, weil es so schwierig war all die Ausrüstung für ein Keyboard mitzunehmen. Ich hatte aber immer ein bisschen Mitleid mit den Zuhörern, ich war der mieseste Gitarrist (lacht laut).

Zum Thema Songwriting. Früher hast du mehrheitlich alleine deinen Songs geschrieben. Auf den letzten Alben waren aber vermehrt andere Songwriter involviert. Da deine Songs ja immer sehr persönlich sind, wie funktioniert es, mit jemandem zu schreiben, der deine Situation nicht kennt oder selbst nie das erlebte, worüber du schreiben willst? Ist das nicht schwierig?
Mit jemand anderem zu schreiben, kann teilweise schon etwas peinlich sein. Verschiedene Elemente aus deinem Leben kommen in den Lyrics zum Vorschein und manchmal enthüllt man auch fast etwas zu viel, wenn man auf der Suche nach dem richtigen Text ist. Du erzählst dann vielleicht mal was: es ging so und so und dies und das passierte! Während dem der andere Songwriter dann nur meint: oh Mann, echt? Wow, das erlebst du gerade? Dann denkst du jeweils, hmmm vielleicht war das jetzt doch etwas tmi oder zu konkret? Natürlich kannst du beim Co-Writing dann diese Problemchen oder Themen der anderen Person rüberschieben, „ach nein, das ist nicht mir passiert, das war der andere – der arme (lacht und kichert). So geht das halt beim Co-Writing….

Am liebsten schreibe ich aber immer noch alleine. Es ist die ehrlichste und aufrichtigste Art finde ich. Und für die Zukunft möchte ich auf jeden Fall wieder mehr alleine schreiben, während ich mich immer weiter weg von diesem Pop-Branding entfernen möchte. Dies wurde mir sozusagen aufgedrückt wurde. Das war eigentlich gar nie Wunsch. Ich komme aus einer kleinen Gefängnis-Stadt, da gibt’s eigentlich gar nichts Pop-freundliches. Die Musik Industrie hat dies wohl einfach als eine gute Verkaufsstrategie gesehen für einen Singer-Songwriter.

Das wird’s wohl sein. Die Musik Industrie hat sich ja in den letzten Jahren allgemein sehr verändert, nicht?
Oh ja, besonders das vermarken der sogenannten Singer-Songwriter hat sich in den letzten 20 Jahren sehr verändert, es wurde sehr schwach und fast nur noch peinlich. Musiker wie Springsteen oder Billy Joel wurden noch wie richtige Männer vermarktet. Warum kann heute authentische Musik, welche vom Herzen kommt, von realen Personen mit echten Geschichten, Leben und guter Arbeitsethik nicht mehr maskuliner vermarktet werden? Wann wurde es uncool jemand zu sein, der so richtig was von seinem Handwerk versteht. Sei es das Songwriting oder das Instrumente spielen.

Die neuen Branding Ansätze sind echt schlimm. Es ist so weird. Annahmen wie: du bist sportlich und magst Sport grundsätzlich – du magst bestimmt Hip-Hop! Das muss ja wirklich nicht sein. Ich mag Sport aber halte persönlich nicht viel von Hip-Hop. Ich möchte eigentlich einfach nur gute Musik machen, aber es scheint, dass z.B. beim Genre Hip-Hop viel mehr die maskuline Seite hervorhebt, während Singer-Songwriter eher als Weicheier dargestellt werden. Aber die Musik an sich hat doch gar nichts damit zu tun ob man nun sportlich ist oder tough…

Ich mag diese ganze “ich mag alles” Mentalität nicht wirklich. Aber das ist alles was die Leute heutzutage tun – einfach alles mögen. Echte Songwriter sind sehr anspruchsvoll in dem was sie mögen oder eben nicht mögen. Sie sind oft auch sehr ehrlich über den Inhalt der Songs, warum also können wir nicht einfach auch ehrlich sein mit unseren Gefühlen oder wenn bestimmte Musik einfach scheisse ist? Aber es gibt immer noch viele sehr gute Musiker da draussen, welche auch erfolgreich sind in der Singer-Songwriter Ecke. Der Erfolg hier, basiert nicht auf einer grossen Produktion oder tollen Bildern, es geht wirklich nur um das Talent. Wir verkaufen uns basierend auf unserem Talent und müssen nicht in ein bestimmtes Image/Aussehen passen. Musik sollte unsichtbar sein. Es soll doch einfach nur ein toller Song sein, ein grossartiger Sänger und eine super Performance sein anstatt nur alles was in dieser Auto-Tune Kultur heutzutage produziert wird.

Oftmals will heute nur noch diese Musik verkauft werden. Aber wenn du beispielsweise diesen einen Chorus nicht singen willst, dann ist es kein guter Song, weisst du was ich meine? Viele Artists die heutzutage an uns „verkauft“ werden, können nichts, die können nicht singen, keine Instrumente spielen und nicht performen. Aber sie sind willig und tun alles dafür bekannt zu werden. Selbstgemachte Reality-Stars auf Instagram oder Twitter oder wo auch immer. Sie zeigen euch TV-Shows über ihr eigenes Leben, via ihre Handys. Ich habe letztens ein kleines Kind mit einem Selfie-Stick gesehen, welches über ihre Reise berichtete. Es ist doch irgendwie komisch dieses Eitelkeitsniveau bereits in kleinen Kindern zu sehen, nicht? Leute sind heute wohl noch mehr mit ihrem Selbstbild beschäftigt als je zuvor. Manche Artists singen nicht mal mehr bei ihren Shows, sie stecken ihren Laptop ein – that’s it. Das ist ihre „Performance“. Sie KÖNNEN nicht singen… Ich bin immer mehr und mehr überrascht, dass wir inzwischen solche Performances zelebrieren. Es scheint wie wenn wir immer dümmer werden, musikalisch gesehen. Es ist als würden wir nicht in das bessere Restaurant gehen, weil das schlechtere das „berühmtere“ ist.

Schlechte Musik und nicht vorhandenes Talent sollte nicht zelebriert werden. Es gibt so viele talentierte Musiker da draussen. Viele haben jedoch nicht den Mumm zu sagen, was gut ist oder noch viel mehr, was nicht gut ist. Ein Song der momentan richtig „big“ ist? Er ist richtig scheisse – Leute trauen sich nicht dies zu sagen. Sie sind viel mehr damit beschäftigt berühmt zu werden als gute Musik zu machen – was für ein Verbrechen!

Wow ok, ich sehe schon, du hast eine sehr starke Meinung zu diesem Thema. Aber da dein Tour Manager schon wild mit den Händen fuchtelt, würde ich gerne zum nächsten Thema übergehen. Vor den Interviews fragen wir immer unsere Fans/Follower, was sie denn gerne von den Artists wissen möchten. Wir haben dieses Mal ganz viele erhalten.  

Fan Questions 

(also eigentlich nur 1 Fanfrage – da wir nicht genügend Zeit hatten)

Ulla möchte wissen: Was ist speziel oder anders auf deiner Tour in Europa (im Gegensatz zu den USA)
Sicherlich schon alleine die tollen alten, historischen Städte. Viele der Städte hier können wir zu Fuss erkunden, alles ist so viel näher beieinander. Die Velo-Kultur ist natürlich auch viel mehr verbreitet als in den USA. Das mit dem Trinkgeld ist auch so eine Sache. Wenn wir hier ein Trinkgeld geben, welches in den USA als „normal“ gilt, werden uns hier fast die Füsse geküsst (lacht laut und macht Kuss Geräusche während wir beide weiter lachen).

Bei den Fans in Europa sehe ich eine sehr melodische Kultur. Sie singen bei jedem Lied mit, jedes einzelne Wort. Mitsingen und richtige Interaktion, ich weiss nicht woran das liegt, aber es ist wunderschön! Ich habe auch bemerkt, dass in Europa die meisten Fans auch immer das ganze Album hören und die Lyrics zu jedem Song lernen, nicht nur die Singles. Vielleicht finden sie es auch interessanter die ganzen B-Sides Sachen zu hören, da sie so denken mehr über den Sänger zu lernen. Vielleicht ist es auch das Interesse grösser, da sie denken „Oh dies ist Teil der US Kultur, die möchten wir gerne näher kennenlernen“ – ich weiss es nicht, es ist nur eine Vermutung. Aber ich bin auf jeden Fall sehr Dankbar dafür. Vor allem auch in bestimmten Ländern, wo wir wissen, dass Englisch nicht unbedingt von der Mehrheit der Leute gesprochen wird. Trotzdem lernen sie die Worte und singen mit – wie cool ist das denn? Ach ja und was ich besonders toll finde, in vielen dieser Europäischen Städten, essen alle Schokolade zum Frühstück (lacht laut und lange!) I love it!

Moment, ich hätte doch noch so viele Fragen gehabt…

Wow, ich glaube 20 Minuten sind noch nie so schnell vorbei gewesen wie jetzt… Gavin’s Tour Manager musste unser Interview dann leider schon beenden, wir haben bereits etwas überzogen. An dieser Stelle ein grosses  sorry an diejenigen, welche ihn nachher noch interviewt haben. Wir werden nie mehr überziehen – versprochen 😉

Etwas traurig sind wir schon, dass wir nur eine der vielen tollen Fan-Fragen stellen konnten, aber natürlich endlos dankbar, dass wir diese Chance überhaupt hatten. Ich wünschte ich hätte noch mehr mit Gavin über das Thema Musik Industrie sprechen können, ich bin mir sicher er hätte noch ganz viel mehr darüber zu sagen. Aber dies werde ich mir wohl fürs nächste Mal aufheben müssen…

Gavin DeGraw im X-Tra, Zürich

Die Show später am Abend war super – wie schon erwartet. 2h wunderschöne Musik. Gavin DeGraw, Mike Baker (Drums) und Billy Norris (Gitarre, Bass und Vocals) performten das Acoustic Set und haben an diesem Abend bestimmt noch viele neue Fans dazugewonnen. Das Publikum hatte auch eine richtig gute Laune, die ganze Atmosphäre war wirklich angenehm aber trotzdem Energie geladen. Ich habe diese Show einige Tage zuvor schon in Frankfurt gesehen und kann mit gutem Gewissen sagen, das Publikum in Zürich war um einiges aktiver und lauter. Ich war schon fast ein wenig Stolz auf das Schweizer Publikum – vor allem, weil wir ja doch eher dafür bekannt sind, etwas ruhiger und zurückhaltender zu sein.

Während dieser Show, wurde ich auch immer wieder erinnert, warum ich mich damals vor 9 Jahren in Gavin DeGraw’s Musik verliebte. Seine Lyrics, die wunderschönen Melodien (hier gefallen mir halt auch vor allem die älteren Alben) und seine gesamte Präsenz auf der Bühne. Einfach wunderbar. Ich habe ihn in den letzten Jahren nun einige Male live erleben dürfen und dies in jeglichen Konstellationen (Full Band, Acoustic Trio, Duo nur mit Klavier und Gitarre etc.) und muss sagen, dieses Acoustic Trio ding ist echt super. Diese Shows auf der „An Acoustic Evening with Gavin DeGraw“ Tour könnte fast schon eine der besten sein, ever…

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